SCHNELLER WOHNEN






ein Projekt von IFAU und REALARCHITEKTUR






Projektbeschreibung


‚Schneller Wohnen‘ ist ein Projekt, das die Rahmenbedingungen für und die Anforderungen an das temporäre Haus ermittelt. Grundlage bilden die Suche nach einer prozessorientierten Architektur und die Frage nach einer dynamischen Stadtplanung als Versuch, Möglichkeiten der Verteilung, Verhandlung und Aneignung in den Entwurf einzuschreiben.

Städte sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation, starrer Strukturpolitik und langwieriger Planungsprozesse oft nicht in der Lage auf Veränderungen schnell und flexibel zu reagieren. Durch das Zusammenspiel von global-generischen Marketingaspekten und lokaler Stadtplanung bilden sich hermetische Raumkonstellationen, die einzig auf die jeweils anvisierten Nutzergruppen ausgelegt sind. Die entstehenden Inselwelten vernetzen sich nur schwer, starke Brüche trennen die Einzelteile. Vielleicht liegt aber gerade in den Zwischenräumen die Chance, die Stadt als Vielfalt zu begreifen und erneut zu vernetzen. Die Zwischenräume sind zur Aneignung offen.

Der, in Konsequenz, schon länger anhaltende Trend zur Nischenkultur als Gegenwartsphänomen beweist den Bedarf nach verstärkter Einflußnahme und den Wunsch, sich seine eigenen selbstbestimmten Lebensumwelten zu schaffen. Zwischennutzung von Brachen oder leerstehenden Büro- und Gewerbeflächen durch Künstler, Autohändler und Barbetriebe ist inzwischen etabliert. Die Sehnsucht nach einer selbstverständlichen Öffentlichkeit, Flexibilität und Kommunikation ist jedoch mittlerweile kein avantgardistischer Trend mehr, sondern ein weitverbreitetes Bedürfnis.Darin eingeschlossen ist auch die Vorstellung von anderen Wohnformen. Eine temporäre Besetzung unbestellter Flächen würde einen zwanglosen Umgang mit architektonischen Typologien erlauben, die hier keinen planungsrechtlichen Vorgaben unterliegen. Eine Rekombination individueller wie kollektiver Interessen wäre möglich, was zu neuen Mischnutzungen und Zuordnungen privater, öffentlicher und teilöffentlicher Räume führt.

‚Schneller Wohnen‘ basiert auf der nutzungssorientierten Aneignung gegenwärtig vom Markt ausgeschlossener Flächen in der Stadt. Wohnen als Grundfunktion und Träger von Alltäglichkeit ist Basis der Stadt und Ausgangspunkt für Veränderungen. Die starken Abwanderungstendenzen unterschiedlichster Gruppen von Stadtbevölkerung schwächen insbesondere die Innenstadtbezirke sowohl in soziokultureller als auch wirtschaftlicher Hinsicht.

Untergenutzte bzw. spekulativ brachliegende innerstädtische Flächen stellen Potenziale dar, die oft auf lange Sicht ungenutzt bleiben. Der Umgang mit diesen Flächen beschränkt sich auf das reine Verwalten einer Abschreibungsmöglichkeit und Vorhaltefläche, und verursacht Kosten für die Eigentümer ohne einen Gewinn zu erzielen. Als Folge sinkt das Image dieser Flächen und teilweise auch der angrenzenden Gebiete.

‚Schneller Wohnen‘ leitet aus diesem Kontext neue Handlungsansätze für die gegenwärtige Stadt ab. Durch die temporäre Nutzung freigegebener Brachflächen kann das System Stadt auf entstehenden Bedarf kurzfristig und präzise reagieren.Temporäre Begrenzungen erlauben eine niedrigere Regelungsdichte. Diese ermöglicht sowohl spezialisierte, kundenspezifische, als auch flexible, an veränderte Nachfrage anpassungsfähige, Lösungen und eröffnet somit ein Experimentierfeld für neuartige Bebauungsformen.

Ein Neubau für z.B. einen Zeitraum von 10 Jahren bietet als Zwischennutzung innerstädtisch gelegener 1A-Lagen eine Alternative zu konventionellem Wohnungsbau am Rand der Stadt. Dies als Angebot für eine Zielgruppe, die weniger an Eigenheim und Eigentum, als an der direkten Verbesserung des persönlichen urbanen Komforts interessiert ist. Neu entstehende Verhandlungs- und Aneignungsräume bieten zusätzliche Qualitäten und Möglichkeiten für das Leben in der Stadt und erhöhen dessen Vielschichtigkeit.



Schneller Wohnen - Eine Momentaufnahme

Die temporäre Nutzung von Brachen oder leerstehenden Büro- und Gewerbeflächen durch Künstler, Autohändler oder Barbetriebe ist inzwischen etabliert. Die Sehnsucht nach einer selbstverständlichen Öffentlichkeit, Flexibilität und Kommunikation ist jedoch mittlerweile kein avantgardistischer Trend mehr, sondern ein weit verbreitetes Bedürfnis.

‘Schneller Wohnen’ verknüpft dieses Bedürfnis mit der rezessionsbedingten Praxis der Zwischennutzung und versteht sich als Taktik für aneignungsfähige Raumproduktion: Ziel ist die Entwicklung zeitlich begrenzter Wohnungsbauten auf untergenutzten bzw. spekulativ brachliegenden innerstädtischen Freiflächen.

‘Schneller Wohnen’ entsteht unabhängig von gebräuchlicher Programmatik - Inhalt und Struktur ergeben sich aus individuellen Vorlieben, Interessen und Bedarf. Die zeitliche Begrenzung befreit Orte und Flächen in der Stadt von gängigen planungsrechtlichen Vorgaben und gewinnorientiertem Verwertungsdruck.

Diese Taktik umgeht städtebauliche und architektonische Gewissheiten und eröffnet Experimentierfelder für aktuelle Forschungsmethoden, neuartige Bebauungsformen und unkonventionelle Bautechniken: Aufkommende architektonische Trends werden direkt getestet. Soziale Verhältnisse und gemeinschaftliche Nutzungen werden neu verhandelt, Freiraum und Grün erfüllen den unbestimmten Traum vom Leben vor der Stadt. Kurzfristige und innovative Architektur entsteht durch innerstädtische Baukooperativen von Baumarkt, Handwerk und Industrie.


pause und dann

Ein Wunsch kann sich erfüllen - billig und komfortabel leben mitten in der Stadt:, bauen, wohnen zwischen und an verschiedenen, manchmal priviligierten Orten, zu verschiedenen Zeiten, in unterschiedlichen Lebensumständen und Stimmungen. ‚Schneller Wohnen‘ wandelt Lebensweise in strategische Anwendung von Lifestyle. Wohnen als Inbegriff der individuellen Gestaltung des Alltags bietet die Möglichkeit zur selbstbewußten Einflußnahme und die Gelegenheit zur wertschätzenden Erweiterung städtischen Lebens. Der Mehrwert entsteht durch (Be-)Nutzung. Selbstbestimmte Lebensumwelten schaffen Identität und Differenz diesseits zielgruppen-fixierter Lifestyle-Promotion - oder wie läßt sich das Verhältnis zwischen Geldausgeben und Glücklichsein am besten ermitteln?


c’ est radical

‚Schneller Wohnen‘ bedeutet die alltagssorientierte Aneignung gegenwärtig vom Markt ausgeschlossener Flächen und Orte in der Stadt. Die an diesen Orten vorhandene Instabilität ist Bedingung und Motivation für neuartige Verhandlungsweisen des Urbanen. Schnell `drauf und schnell wieder weg sein und dazwischen den eigenen Bedürfnissen entsprechend komfortabel und differenziert den zeit-räumlichen Mangel (ver-)wohnen.


independent

Innerhalb der Organisation populärer Marketing-Mechanismen - von individueller Differenz bis massenkultureller Identifikation (und umgekehrt), schafft ‚Schneller Wohnen‘ durch die temporäre Begrenzung Unabhängigkeit und wird gerade dadurch populär. Nischen hüten das ganze Geheimnis und die Möglichkeiten einer Lebensweise. Unterschiedliche Vorstellungen und wechselnde Trends sind Ansporn genug, verschiedene und vielschichtige Denkmodelle zu entwickeln. Erlaubt ist, was geht und somit ist die Wahl der Aneignungstechniken sowie individueller Samples und Muster direkt entscheidend für Strukturbildung und Architektur. Soviel kostet die Freiheit.


Strategische Orientierungen

Schneller Wohnen als offener Prozess

Schneller Wohnen‘ verhält sich paradigmatisch zur gegenwärtigen Produktion von Stadt und entsteht in direktem Abgleich zu sich schnell verändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen.

Kurzfristige, situativ spezialisierte Planungsinstrumentarien ermöglichen die schnelle Realisierung neuartiger Nutzungsmischungen und Wohnformen.

‚Schneller Wohnen‘ als alltägliche Handlung ist Initial für weitere Transformationsprozesse der Stadt. Vorhandene Vielfalt wird in städtische Wirklichkeit übersetzt.


Schneller Wohnen eröffnet neue Handlungsräume

Schneller Wohnen‘ stellt die Bedarf und Verwertung entzogenen Räume zur Disposition, aktiviert die Handlungsräume der Stadt.

Erweiterte Planungsgemeinschaften und flache Hierarchien integrieren unterschiedliche Kompetenzen. Durch direkte Verhandlung spezifischer Interessen, Fähigkeiten und Trends entsteht unmittelbare Verantwortung.

Handlungsräume sind Räume zur Verhandlung. Verhandlung generiert spezifische Architektur. Spezifische Architektur führt Verhandlung fort.


Schneller Wohnen ist eine Frage der Haltung

Schneller Wohnen‘ befördert die räumliche Umsetzung städtischer Dynamik, akzeptiert und antizipiert Veränderung. Konzepte ‚die nicht ins Bild passen‘ werden alltäglich, sind die Initiale tragfähiger Architektur und urbaner Struktur.

Die temporäre Befreiung von ökonomischem Verwertungsdruck erlaubt die Bewertung des Raumes durch seine Nutzung. Was billig ist kann Mehrwert sein. Das ist Ökonomie.

Die prognostische Unschärfe von Entwicklungen auf Brachen ist Bedingung und Motivation für neuartige Verhandlungsweisen des Urbanen.

Die Begrenzung von Zeit fordert das Experiment und den experimentierenden Nutzer. Die Freiheit von präfixierten Regeln lässt sowohl neue kollektive wie individuelle Formen entstehen.

IFAU


REALARCHITEKTUR